Ralf König dürfte derzeit der international erfolgreichste Comic-Zeichner Deutschlands sein. In einem ausführlichen Gespräch nahm er zu seinen aktuellen Arbeiten Stellung, insbesondere auch zu seinem neuen Comic-Roman Dschinn Dschinn. Von Martin Jurgeit & Stefan Pannor Worum geht es in Dschinn Dschinn?
König: Ich hatte schon sehr, sehr lange diese vage Idee von einem Flaschengeist, habe das aber nie ausgearbeitet, bis ich irgendwann die Märchen aus Tausendundeiner Nacht entdeckte. Ich hab mir den arabischen Urtext besorgt, in der auch die erotischen Passagen enthalten sind, also nicht die Kindermärchen. Etwa zur gleichen Zeit ging aber auch der ganze Stress mit dem Orient los – Bin Laden, 11. September, Islamismus. Plötzlich war die arabische Welt im Bewusstsein, und mir fiel der Gegensatz auf: Hier Tausendundeine Nacht und der romantische, der verklärte, ja regelrecht sinnesfrohe Orient – und auf der anderen Seite ein Orient, den man im Westen überhaupt nicht verstehen kann, wo nur Terror, Männlichkeitswahn und religiöse Verblendung herrschen. Dann gab es in Aachen eine Ausstellung zum Thema „Ex-Oriente – Isaak und der weiße Elefant“ und der historisch belegten, freundschaftlichen Begegnung von Orient und Okzident. Karl hatte einen Juden namens Isaak und eine Gesandtschaft nach Bagdad geschickt, um mal „Hallo“ zu sagen, „Uns gibt’s auch!“. Und der Kalif revanchierte sich, indem er eine Karawane voll mit Geschenken zurück nach Aachen auf den Weg brachte. Das hörte sich einfach märchenhaft an und entfaltete sich sofort visuell vor meinen Augen. Wenn ich ein „richtiger“, realistischer Comic-Zeichner wäre, dann würde ich das Thema auch sofort umsetzen wollen. Da kommen Kamele, ein weißer Elefant und arabisch anmutende Leute mit ihren Düften und Teppichen nach Aachen. Man muss sich das vorstellen – Aachen 800 nach Christus, da hat es mal geregnet und die Stadt war sofort im Schlamm, und in Bagdad war Hochkultur. Ich überlegte mir dann, wie das wäre, wenn damals auf einem Kamel auch so’n Flaschengeist mitgekommen wäre, der dann im Aachener Domschatz über die Jahrhunderte zugestaubt wäre, weil niemand ahnte, dass in der betreffenden Flasche – bei mir ist das eine Teekanne – ein Dschinn haust. Und diese Teekanne geriete dann in der Jetztzeit in eine WG, wo ein Schwuler sie öffnet und plötzlich ein behaarter Kerl rauskommt, der genau das machen muss, was der Schwule will. Denn schließlich ist der Flaschengeist ja gewissermaßen der Sklave dessen, der ihn aus der Pulle rauslässt.
Mit dem Flaschengeist hat es aber noch eine besondere Bewandtnis, war dieser in seinem früheren Leben doch ein regelrechter Ajatollah, was der Geschichte ganz besonders herrliche Absurdität verleiht. Hattest du hierbei auch „euren“ Kalif von Köln vor Augen?
König: Ja, der war grotesk. Immer wenn ich den im Fernsehen sah mit dem Fusselbart, der starken Brille und dem vergrätzten Gesichtsausdruck – der sah voll aus wie ’ne Comic-Figur! Der Kalif von Köln war visuell tatsächlich ein Vorbild. Gleichzeitig war das aber auch eines der Probleme, die dazu führten, dass die Geschichte jetzt so lang geworden ist. Denn so ein kleiner hässlicher Mullah-Typ ist natürlich das Letzte, was man in einer schwulen WG haben möchte. Ich musste den Kerl also – zumindest für eine gewisse Zeit – deutlich attraktiver hinkriegen. Dazu habe ich ein Märchen à la Tausendundeine Nacht erfunden, in dem der schlechtgelaunte Mullah in einen richtig schönen Kerl verwünscht wird, der dann in die Kanne muss. Gleichzeitig ist die Thematik ziemlich heikel. Ich habe mir lange darüber Gedanken gemacht, wie ich das umsetze, ohne dass ich jemandem auf den Fusselbart trete. Natürlich schlimm, dass man sich hierzulande, mitten in Köln, darüber Gedanken machen muss, ob man mit einem Comic womöglich irgendeinen Islamisten beleidigen könnte. Aber spätestens seit der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh in Holland muss man sehen, dass die überhaupt keinen Spaß verstehen. Deshalb war ich auch vorsichtig, das mit der Religion zum Thema zu machen. Es gibt eine Traumsequenz, in der dem Mullah ein Erzengel erscheint, aber der heißt dann „Hirsemeel“. So in der Art wie in Das Leben des Brian, eine Parallel-Religion. Ich bin ausgesprochen unreligiös, mir ist das Ganze regelrecht zuwider, gerade wenn ich sehe, was Religion derzeit auf der Welt anrichtet. Die Welt braucht Spiritualität, nicht Religion. Und ich weiß nicht, wie es bei uns aussähe, wenn die im Vatikan so könnten, wie sie wollten.
Ist es für dich nicht unglaublich schwierig, mit derartiger – man muss sie ja so nennen – Selbstzensur umzugehen?
König: Klar, man sollte die Dinge ganz unverblümt benennen. Der Comic spielt ja auch in Bagdad, der Typ sieht aus wie Osama und man sieht Frauen unter der Burka. Man weiß, worum es geht. Und ich beziehe mich auf die absurden Gesetze der Taliban, also Bartzwang, Burka, Musikverbot und so, die sogar in weiten Teilen der muslimischen Welt für übertrieben gehalten werden. Aber der Kalif von Köln lief in Köln leibhaftig rum, samt Anhängern. Man muss damit leben, dass es diese religiösen Empfindlichkeiten gibt, die für uns nicht nachvollziehbar sind – dieser Hass, diese Verblendung. Das ist ein Dilemma und ‘ne echte Bedrohung, auch für die Kunst und Kultur.
Du hast angesprochen, dass die Geschichte immer mehr an Länge zunahm.
König: Ich hatte schon ‘ne dicke Krise, weil das Buch immer umfangreicher wurde. Mit dem, was ich eigentlich erzählen wollte, hatte ich nach 140 Seiten nicht mal richtig angefangen! Im zweiten Teil, an dem ich jetzt arbeite, soll es darum gehen, dass sich der Dschinn wieder zurückverwandelt – denn inzwischen will ich diesen schlecht gelaunten Mullah in der Schwulen-WG haben! Das ist ja der Spaß an der Geschichte. Das alles wäre eigentlich ein über 300-seitiges Buch geworden. Dagegen hätte ich zwar nichts gehabt, aber Rowohlt hätte doch Probleme bekommen, etwa mit dem Erscheinungsdatum und dem Verkaufspreis. So entschloss ich mich dann, die Geschichte auf zwei Bände zu verteilen.
Dass dir eine Geschichte so „aus dem Ruder laufen“ kann, hängt wohl ganz entscheidend mit deiner Arbeitsweise zusammen. Ein richtiges Szenario hast du vorab gar nicht?
König: Stimmt. Ich weiß heute noch nicht, wie die eigentliche Handlung im zweiten Teil aussieht. Ich weiß aber immerhin schon, wo ich grob hin will. Selbst das wusste ich noch nicht so genau, als ich mit dem ersten Buch anfing. Ich weiß noch, wie ich zeichnete, dass die weibliche Hauptfigur ins Café geht, um jemanden zu treffen. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wen sie gleich treffen wird. Ich wusste es einfach nicht! Das hat mir richtig Stress gemacht, und dazu der Abgabetermin im Nacken. Ich war mir während des Zeichnens nicht mal über die Hauptfiguren im Klaren, wer das eigentlich sein soll. Hinzu kommt noch, dass ich im Winter meist scheiße drauf bin. Ich bin einer dieser typischen Winter-Depressiven, keine Energie, lustlose Zeiten, kein Sex und so. Und dann sollte ich bis zum 31. Dezember das Buch im Verlag abliefern. Und mir war noch nicht klar, dass das Buch viel länger wird. Mir war nicht klar, dass es zwei Teile werden. Mir war nicht mal die Handlung richtig klar und ich hab mich über lange Strecken Seite für Seite durchgequält.
Das ist wirklich faszinierend, denn das Buch wirkt so leicht und man merkt es der Geschichte überhaupt nicht an.
König: Ich weiß heute auch nicht mehr, warum ich mich so schwer getan habe. Jetzt ist Sommer und alles ist prima. Aber im Winter habe ich rumgesessen und fand alles, was ich da mache, scheiße. Wenn das immer so schwierig wäre, dann würde ich den Job an den Nagel hängen. Aber ich bin froh, dass man das dem Ergebnis offenbar nicht anmerkt. Zumindest von den Leuten, die es schon gelesen haben, hat niemand gesagt: „Oh, das wirkt aber bemüht.“ Es war ein echter Kampf und ich hoffe, dass mir der zweite Teil viel leichter fällt. Wahrscheinlich tut er das, weil ich die Story ja nun schon angelegt habe, mit den Typen und so. Aber der Winter steht wieder vor der Tür und die ersten Spekulatius liegen in den Läden.
Ist das Ende des ersten Bandes eigentlich eher willkürlich gewählt, weil etwa eine bestimmte Seitenzahl erreicht wurde?
König: Nein, es gibt eine Art Cliffhanger. Also einen Moment, der schon die Handlung des ersten Bandes abschließt, aber gleichzeitig auch Spannung erzeugt, auf das, was dann in der Fortsetzung passiert. Der zweite Band wird wieder mit einer Rückblende ins Mittelalter starten, nämlich der Ankunft der Karawane in Aachen. Das möchte ich einfach zeichnen, wie dieser Elefant in der Stadt ankommt, den der Kalif aus Bagdad mitgeschickt hat. Eine tolle Vorstellung, die Aachener müssen damals ja schwer geglotzt haben. Und ich hatte die Idee – und das klappt hoffentlich auch –, dass Otto Waalkes mir quasi als „Gastzeichner“ den Elefanten liefert. Ich fand die Ottifanten immer sehr schön.
Fast noch mehr als mit Comics hast du in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Film- und Fernseh-Projekten Schlagzeilen gemacht. Wie war das z.B. mit der SAT1-TV-Serie Bewegte Männer?
König: Damit hab ich gar nix zu tun. Weder inhaltlich noch finanziell. Ich kann über diese Serie nur die Nase rümpfen und finde das schwulenfeindlich.
Aber die TV-Serie basiert doch auf Konzepten von dir.
König: Die Constantin-Film wollte seinerzeit wegen des Riesenerfolgs einen Bewegten Mann 2 ins Kino bringen. Ich habe mich damals insgesamt sehr benachteiligt gefühlt, weil ich von dem Film im Vergleich zu den Einnahmen so gut wie nichts hatte. Rowohlt hatte Mist gebaut mit dem Vertrag und die Constantin war auch nicht sehr entgegenkommend. Darum hatte ich keinen Bock, einen zweiten Teil zu schreiben, auch wenn das verdammt viel Geld für mich bedeutet hätte. Constantin wollte dann wenigstens die Rechte an den Namen der Figuren haben, um einen anderen Schreiber dran zu setzen. Also habe ich ihnen die verkauft, damit die Figuren Norbert Brommer und Axel Feldheim heißen können. Aus dem Kinofilm wurde nichts, weil wohl kein brauchbares Drehbuch zustande kam, was mich natürlich gebauchpinselt hat – also dass man in den Chefetagen verstehen musste, dass nicht jeder Schreiberling mal eben so meinen Ton trifft. Aus dem Material für den zweiten Kinofilm wurde dann wohl diese grottenschlechte Serie gebastelt, ich hab davon bis zum Sendetermin nicht mal gewusst.
Ähnlich wie bei Lysistrata – die Filmrechte waren verkauft, und auf einmal war der Film fertig.
König: Ja, was ein bisschen schade war. Aber das ist trotzdem was ganz anderes. Diese Bewegte Männer-Serie ist unsäglich, ich habe zwei Folgen geguckt und konnte überhaupt nicht verstehen, was das denn soll. Ich hab nur drauf bestanden, dass mein Name da nicht in den Credits erwähnt wird. Bei Lysistrata hat man mich dagegen vorher nach Barcelona eingeladen. Das war eine supergeile Runde, der Regisseur hat mir Schauspielerfotos gezeigt und Kostümentwürfe. Die Leute waren ganz begeistert von dem Stoff. Dann hörte ich ein paar Jahre nichts mehr davon, und eines Tages hieß es dann, der Film sei fertig. Das fand ich schon schade, ich hätte mir gern beim Dreh die griechischen Soldaten näher angesehen. Aber vor allem, weil der Comic wohl nicht genug Dialog für 90 Minuten Film hergibt. Da wurde ganz viel Stoff dazu geschrieben und ich wäre sehr dankbar gewesen, wenn ich das hätte selbst machen dürfen. Jetzt wird in dem Film vieles gefaselt, was nicht von mir stammt und wo ich auch den Witz nicht raus höre.
Es werden von dir eher die burlesken Stoffe verfilmt. Sind deine anderen Werke nicht verfilmbar?
König: Ich weiß nicht, wie die Filmemacher ticken. Ich bin da auch ein bisschen drüber. Mit dem Produkt habe ich am Ende nie was zu tun. Ich mache meine Comics. Dafür halte ich gerne den Kopf hin, wenn’s schief geht. Aber wenn einer einen Film macht ... Das ist wie ein Fremdkörper für mich, aber es steht fett „Ralf König“ drüber. Ich kann mir auch vorstellen, dass ein Buch wie Super Paradise vom Thema her viel zu speziell ist. Und dann ist das auch noch schwul.
Wie stark berühren dich die Verfilmungen deiner Werke?
König: Bis jetzt tat es meistens weh. Ich hab eine Vision davon, wie alles besser aussehen könnte. Und wenn das immer so zielstrebig daneben geht, dann hat man irgendwann auch den Frust, klar. Aber ich hab aus dem gleichen Grund eh ein Problem mit deutschen Filmen. Sie treffen selten den Punkt. Ich glaube fast nie, was ich da sehe, weil’s schlecht inszeniert ist oder mies gespielt.
Du hast aber schon das letzte Wort, wenn es darum geht, die Rechte zu verkaufen, oder?
König: Das nützt aber wenig. Meistens sitzt ein Regisseur vor dir, der strahlt dich voller Unternehmungslust an, und dem glaub ich dann, dass er gute Ideen hat. Meistens lag es auch nicht am Regisseur, wenn’s schief ging. Das liegt an all den Nasen, die mit reinreden. Humorlose Geldgeber, kohlegeile Produzenten, sogar die Verleiher bestimmen mit, wie das Ende des Films aussehen soll. Was soll denn dabei raus kommen?
Lysistrata war 1987 dein dritter längerer Comic. Was hattest du für ein Gefühl dabei, ihn dann auf der Leinwand zu sehen?
König: Lysistrata ist eine Ausnahme, weil die Story im Grunde gar nicht von mir ist, sondern von Aristophanes. Den Bewegten Mann etwa könnte man heute nicht mehr so drehen, das war Zeitgeist. Aber diese antike Geschichte mit den Frauen, die sich verweigern, das geht auch heute noch. Das ist zeitlos. Ich mag den Film, das ist alles aufwändig und liebevoll gemacht, es ist nur leider so, dass die Schwulen wieder viel zu tuntig sind, was mich sehr stört. Parallel dazu sind die Frauen natürlich wieder viel zu schön und die Heteromänner zu ungeil. Aber wenn Heteros casten, dann sieht das halt so aus. Seufz.
Das ist auch der größte Unterschied zum Comic ...
König: Das liegt an der Angst der Filmproduzenten, dass das Publikum irgendwas nicht fressen würde. Man will es allen recht machen, weil man ganz viele Leute ins Kino ziehen muss. Und dann kommt am Ende immer das Gleiche dabei raus. Das ist leider bis zu einem gewissen Grad auch bei Lysistrata passiert. Bei mir wäre die so eine Hella-von-Sinnen-Type gewesen, eine Kampflesbe. Aber okay, das musste halt eine schöne Frau sein. Schlimmer fand ich die Schwulen, die alle wie angemalte Transvestiten rumtucken. Fast wie bei Bully, und ich kann dieses bescheuerte Schwulenbild nicht mehr sehen. Das ist in meinem Comic nicht so krass.
Es gibt aber auch in deinen Comics diese ganz normale Schwuchtelei, wo du die Tunten als extreme Zerrbilder darstellst.
König: Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass es keine Schwuchtelei unter Schwulen gibt. Aber uns wird immer wieder das strunzblödeste Klischee vorgeführt. Diese Iglo-Werbung etwa war so bescheuert: Holger und Max, Tiefkühlkost – wo zwei Schwule für diese Produkte werben sollten, und dann tuckte dieser Typ „Tatü, tata, das Essen ist da.“ Auf die Frage, warum das so eine dumme Nummer sein musste, antwortete Iglo: „Wenn die das nicht machen würden, würde doch kein Mensch verstehen, dass die schwul sind.“ Noch Fragen? Und in die gleiche Kerbe geht für mich auch Bully mit Traumschiff Surprise etc. Bei mir in den Comics sind die Schwulen ganze Typen. Wenn geschwuchtelt wird, dann ist das aufgehoben in einem Kontext. Dann sind das gestandene Charaktere, die trotzdem ihren Stolz haben. Denn wenn ich mit meinen Kumpels wirklich losschwuchtel, dann sind wir in 15 Minuten allemal origineller, als Bully das in seinem ganzen Film sein kann. Ich finde das sehr arm, einen ganzen Film lang auf das Ding zu setzen, dass sich da irgendwelche heterosexuell inszenierten Weltraumtucken zum Affen machen. Das ist genauso platt wie damals Charlies Tante.
Deine Schwuchteln sind ja auch recht exaltierte Figuren. Wie stark siehst du die Gefahr, dass du damit dieses Schwulen-Klischee mitzementiert hast?
König: Ich sehe da gar keine Gefahr, weil ich weiß, wovon ich zeichne. Weil ich das lebe. Und ich bin nicht in den Siebzigern stehen geblieben. Wenn du in meine ganz alten Comics guckst, dann ist das mit den Tunten noch häufiger der Fall. Ich bin ja selber so eine Kampfschwester gewesen. Das war ja auch mal ein Politikum damals, so als Mann eine „weibliche“ Seite rauszulassen. Das sieht man heute nur noch bei den CSD-Demos. Es geht ja auch gar nicht darum, das Tuntige zu verneinen, denn klar ist das ‘ne Realität, und das ist auch okay so! Aber wenn du in meine letzten Comics siehst, dann wirst du merken, dass das seltener geworden ist mit den Tunten, genau wie auch in der schwulen Szene. Aber das haben die Medien irgendwie noch nicht verstanden oder sie wollen es nicht verstehen, weil es halt ‘ne sichere Nummer ist, tuntige Schwule vorzuführen. Ich hab zum Beispiel, als ich den Auftrag für das Drehbuch von Wie die Karnickel bekam, gleich gesagt, dass keine einzige Tunte drin vorkommt. Da war dann erst mal ratloses Kopfkratzen. Aber ich hab nicht eingesehen, warum ich das Klischee bedienen soll. Ich hab halt geschaut, dass ich den Humor woanders her hole, der übertrieben männliche Lederhomo ist doch genau so komisch.
Hat die Darstellung von Schwulen in den Medien Auswirkungen auf dich oder deine Comics?
König: Für mich sehe ich da keine Auswirkungen. In den Großstädten ist das alles kein Problem, da gibt es eine selbstbewusst schwule Szene, da glauben die Leute den Quatsch nicht. Aber wenn jemand in den Kleinstädten und Dörfern mit 14, 15 Jahren schwul ist, dann hat er immer noch die gleichen Probleme wie in den Siebzigern. Und ich hab das damals immer schlimm gefunden, wenn Schwule vorgeführt wurden wie alberne Exoten und Supertransen. Ich nehme an, die Tunte ist nicht so bedrohlich wie ein gestandener Kerl, dem man erst mal gar nicht anmerkt, dass er schwul ist. Hast du Alexander gesehen? Dass Alexander der Große einen männlichen Liebhaber hatte, konnte Oliver Stone historisch gesehen nicht leugnen. Aber im Film setzte er Collin Farrel eben eine geschminkte Schwuchtel zur Seite und schon war die Klischeewelt wieder in Ordnung.
Du wirst in deinen Comics mitunter auch recht gallig, wenn es um die Schwulenszene geht. Hast du zu dieser Szene ein gespaltenes Verhältnis?
König: Kann man so sagen! Aber das ist ja auch erlaubt, ich bin jetzt Mitte 40 und hab hinter mir, alles toll zu finden, nur weil’s „gay“ ist. Dieses „Wir sind alle eine Familie“-Getue. Vieles in der Schwulenszene langweilt mich nach 25 Jahren. Da sind so viele Sachen, die sich einfach nicht verändern. Sie sind oft mega-eitel und hören Scheißmusik, aber das ist sicher nicht nur bei Schwulen so, heutzutage. Auch diese ganzen Events, wo alle gleich aussehen. Da steh ich nur am Rande und denke mir, es gibt doch nichts Langweiligeres, als wenn alle gleich aussehen! Ich reagiere dann grade auf den, der unscheinbar in der Ecke steht und in der Nase popelt und ’n bisschen zottelige Haare hat. Den find ich dann interessant, aber nicht diese ganzen tätowierten Muskelklöpse und immer gleichen Glatzen ...
Du hast sogar einen schwulenfeindlichen Hund kreiert ...
König: Genau! Letztlich ist das ein kleiner, unangenehmer, heterosexueller Kläffer. Aber auch dem leg ich hin und wieder mal eine Sprechblase in den Mund, die sehr aus meinem Innersten kommt. (lacht)
Wie war die Arbeit an dieser Serie für dich? Roy & Al fällt ja ganz schön aus dem Rahmen.
König: Die Arbeit an Roy & Al war keine Arbeit. Das ging von allein, ich hab gar nicht so schnell zeichnen können, wie mir die Pointen kamen. Wunderbar, wenn es so läuft. Dann ist das kein hartes Brot wie bei Dschinn Dschinn, dann ist das das schönste Hobby. Dass es zu Roy & Al kam, war im Grunde ein Zufall, mein Kölner Freund Bernd betreibt die schwule Kontakt-Website GayRoyal.de . Die Seite war anfangs noch ziemlich öde aufgemacht und deshalb bat er mich, für die Seite eine Art Maskottchen zu zeichnen. Ich überlegte also, was ich da machen kann. Beim Stichwort Maskottchen fällt mir eigentlich immer ein Tier ein. Also dachte ich mir, ein Hund wäre passend – oder vielleicht auch gleich zwei Hunde! Und bei „Royal“ kamen mir gleich diese zwei Namen in den Sinn – Roy und Al. Und plötzlich war es so, als wenn jemand eine Tür aufgemacht hätte und die Köter schlüpfen rein. Ich dachte nur: Wow, zwei Hunde, die aus ihrer Perspektive auf ihre zwei schwulen Herrchen schauen – und einer der Hunde ist auch noch hetero und homophob, und dazu verdammt, in einem schwulen Haushalt zu leben!
Roy & Al entstanden also als Maskottchen für eine Website. Wurden dort auch die Comics veröffentlicht?
König: Ja, ein paar Comics waren dort online – und das sogar in der ursprünglichen Fassung, denn ein paar Panels hab ich für die Album-Ausgabe ausgetauscht. Ich fühlte mich auf einer schwulen Kontakt-Website absolut hemmungslos, alles zeichnen zu können. Roy & Al war hier noch deutlich schweinischer und es gab Szenen, die echt derb und zu heftig für das Album gewesen wären. Aber auf ‘ne unnötige Weise, der Porno machte die Storys nicht komischer.
War es für dich schwierig, plötzlich einen Comic mit Tieren zu zeichnen?
König: Überhaupt nicht. Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Meine Familie war immer sehr tiervernarrt und wir hatten auch immer Hunde. Ich wundere mich eher, dass ich nicht früher darauf kam. Die ganze Verhaltensweise von Hunden, was für einen Stress man mit ihnen haben kann, stubenrein, Gassi gehen, „Mach sitz“ – an jedem Stichwort hängt sofort ‘ne ganze Geschichte. Das macht total Spaß.
Du kannst hier also viele persönliche Erlebnisse einbringen. Wie stark sind deine Comics überhaupt autobiografisch gefärbt?
König: Sicher ein Stück weit. Aber nicht eins zu eins. Jeder Autor, der irgendwas nicht allzu Abwegiges schreibt, hat auch Autobiografisches in seinen Sachen. Du kannst bei mir etwa Konrad nehmen, oder auch Paul – sicher ist in beiden Figuren ganz viel von mir drin. Aber ich bin deswegen nicht Paul, und ich bin auch nicht Konrad.
Es gab in den letzten Jahren verstärkt autobiografische Comics aus Deutschland. Liest du so was?
König: Ich mag z.B. Mawils Wir können ja Freunde bleiben. Aber letztlich interessiere ich mich nicht so sehr für Comics. Irgendwann verlor ich das Interesse, als es überall tolle Zeichner gab, aber zu wenig Erzähler. Aber ich war auch als Kind nicht so der Comic-Leser. Das war für mich eine schöne Art, selber Geschichten zu erzählen – mehr nicht. Manchmal bin ich aber verblüfft darüber, was es inzwischen gibt. Blankets etwa find ich sehr schön oder Der alltägliche Kampf von Manu Larcenet. Ich glaube auch, dass es mehr dicke Comic-Bücher geben wird, in denen man mal drei Stunden versinken kann. Dieses 48-Seiten-Alben-Format hat sich für gute Erzähler, glaub ich, ein bisschen erledigt.
Du warst in Deutschland einer der ersten, der sich an längere Formate getraut hat.
König: Wobei ich das damals gar nicht wahrgenommen habe. Ich hatte mich bei Rowohlt mit meinen Kurzgeschichten beworben, und die baten mich, mal was Langes zu machen. Das war dann Der bewegte Mann. Manche sagen dazu „Comic-Roman“. Das lass ich mir gern gefallen. Man braucht eine ganz andere Puste dafür. Da muss man schließlich über mehrere Monate den Begeisterungspegel hochhalten können und den Spannungsbogen über 150 Seiten.
Was reizt dich als Künstler an dem Medium Comic?
König: Dass ich schnell erzählen kann. Noch schneller kann ich nur erzählen, wenn ich ein Drehbuch schreibe, dann sitze ich am Computer und hack einfach die Dialoge rein. Ich mag es, Geschichten zu erzählen, ohne so viel beschreiben zu müssen. Ich beschreibe ja mit der Zeichnung. Und das fällt mir im Lauf der Jahre ziemlich leicht – außer bei Autos und Fahrrädern. Und Bussen. Motorräder! Alles was Räder hat kann ich nicht. Wer genau hinguckt, sieht bei mir immer das gleiche Auto, mal dunkel, mal hell, mal von links mal von rechts, aber es ist immer die gleiche Zeichnung von so ‘nem R4 oder was das ist.
Du veröffentlichst seit 25 Jahren Comics. Fühlst du dich manchmal als Comic-Veteran?
König: Mach mich nicht fertig! Du erwischst mich grad in der Midlife-Krise! Ich bin damals zusammen mit Walter Moers gestartet. Walter hat inzwischen das Pferd gewechselt und schreibt Fantasy-Romane. Auch bei mir, nehme ich an, wird in nächster Zeit so ein Dreh kommen. Ich werde vielleicht keine Romane schreiben, aber die Inhalte könnten sich ändern. Ich weiß nicht, ob ich in 15 Jahren immer noch Geschichten zeichne über geile Männchen, die übers Ficken philosophieren. Das ist ja dann in meinem Leben auch nicht mehr so. Bedauerlicherweise. Hoffentlich. Scheiße! (lacht) Ich will ficken!
In welche Richtung könnte diese Entwicklung gehen?
König: Ich hab ja vorhin Blankets erwähnt. Erst konnte ich so gar nichts damit anfangen, weil es so wahnsinnig ruhig ist. Es wäre auch nicht mein Ding, so viel zu zeichnen. Die ganzen Landschaften und dann vor allem die Schneeflocken über vier Seiten. Aber wenn ich mal rate, wo es hingeht, dann vielleicht eher auch in die ernstere Richtung. Nicht immer nur auf den Witz aus zu sein. Das läge auch mehr in meiner Natur. Der rheinische Humor in Köln ist mir ja auch eher suspekt. Ich bin eigentlich kein Witzbold, ich bin Westfale.
Also eine Art Ralf Königs Schwarze Gedanken?
König: Na, die waren ja eher makaber. Das habe ich nicht so drauf. Melancholie ist eher das richtige Wort. Manchmal geht mir der Pointenstress auch auf den Sack, dass auf jeder Seite am besten vier Lacher sein müssen.
Denkst du, die Leser erwarten dieses Pointenhafte von dir?
König: Ich weiß nicht, was die Leser erwarten. Vielleicht erwarte ich das von mir selber, weil ich das auch so lange durchgezogen hab. Und auch, weil die Zeichnungen das verlangen. Die Zeichnungen an sich sind ja komisch, auch wenn da nur zwei Leute auf dem Sofa sitzen und sich unterhalten, wirkt das schon komisch, mit den Nasen und so. Ich weiß nicht, wie das wirkt, wenn ich da über ‘ne lange Strecke ein ernstes Gespräch bringen würde, ohne Ablacher zwischendurch. Vielleicht geht’s, Peter Bagge ist ein gutes Beispiel für abgedrehte Zeichnungen und dazu ganz bodenständige Dialoge.
Du bringst sehr viel Gefühl in deine Figuren rein.
König: Ich bin Woody-Allen-Verehrer und ich gehe gern in Filme, die tragikomisch sind. Das berührt mich auch. Ich versuche, das auch mit meinen Figuren zu machen, um nicht so flach zu bleiben. Daran krankt ja oft der Comic, dass das alles oft so eindimensional ist. Es gab da ein Aha-Erlebnis: Ich wollte gleichzeitig zwei Bücher machen. Ein Buch über Paul im Urlaub – Paul und Sex und so, lustig, was man halt so kennt. Gleichzeitig hatte ich auf dem Tisch, irgendwas zum Thema Aids zu machen, weil mir kurz zuvor ein guter Freund elend weggestorben war und ich das für mich irgendwie verarbeiten musste. Die lustige Story klappte nicht, die tragische aber auch nicht. Und irgendwann verstand ich, das muss zusammen gehen – das muss ein Buch werden. Und das war dann Super Paradise. Ich hab schon den Anspruch, dass das, was ich da mache, eine Wirklichkeit abbilden soll, und dazu gehört auch das Tragische ...
Erschienen im Oktober 2005 in Comixene 90
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